12. Dezember: Einsteigen in die göttliche Rettungskapsel

Einsteigen in die göttliche Rettungskapsel

© Arno Backhaus aus „Fröhliche Weihnachtszeit“ – humorvolle Geschichten. Benno Verlag

 Jeder möchte, dass Weihnachten perfekt wird. Klar. Dafür braucht es eigentlich auch nicht viel… ein bisschen Neuschnee, der die Landschaft in eine Märchenkulisse verwandelt (aber nicht zu viel, denn wer will schon glatte Straßen?), Kinder, die artig sind und sich über ihre Geschenke freuen, Verwandte, die Lächeln und sich wenigstens an Weihnachten vertragen, und natürlich einen Braten, außen knusprig und innen saftig. Schlecht wäre es natürlich auch nicht, wenn die Bluse, das lang gesuchte Geschenk für die Frau, ausnahmsweise mal die richtige Farbe (und Größe!) hätte. Und, wenn wir schon dabei sind: Wenn endlich ein Gesetz erlassen würde, das Grippe zur Weihnachtszeit verbietet …
Aber leider läuft es ja nicht immer so, irgendwas geht meistens schief: Das Wetter spielt nicht mit, Die Schwiegermutter sagt etwas Unpassendes und zerstört die weihnachtliche Idylle, das Geschenk, das man sorgfältig ausgesucht hat, wird eher lustlos entgegengenommen, und im Hintergrund hört man die Kreditkarte stöhnen unter der weihnachtlichen Belastung.
Vielleicht amüsieren sich die Kinder angesichts der vielen Geschenke etwas, aber für die Erwachsenen bleibt vom Frieden des Festes in der Regel nicht viel übrig. Nicht ohne Grund fallen Millionen von Menschen in ein Weihnachtsloch. Dann flüchten sie in den Weihnachtsurlaub nach Bali oder Teneriffa…. (das war vor Corona!)…..
Manche fallen sogar in ein existenzielles Weihnachtsloch. Die Selbstmordrate ist in dieser Zeit so hoch wie nie.
Auch die erste Weihnacht vor 200 Jahren verlief wenig idyllisch. Nirgends Glocken. Kein Fest mit Glühweinstimmung. Kein Tannenbaum. Keine Räuchermännchen. Keine bunten Geschenke. Stattdessen eine Frau, die im neunten Monat schwanger ist und plötzlich vom Finanzamt aufgefordert wird, an ihrem weit entfernten Geburtsort zu erscheinen. Über alle Berge, weit weg vom Hausarzt, ihrer Mutter, dem trauten Heim, nur um dort mit ihrem Verlobten in einer langen Schlange zu stehen, einige bürokratische Formulare auszufüllen und Steuern zu bezahlen.
Und als ob das nicht genug wäre, geht auch noch alles schief unterwegs. Als Maria und Josef in der fremden Stadt ankommen, sind alle Hotels ausgebucht. „Belegt!“, leuchtete ihnen ein Schild entgegen, und zwar von jedem Hotel, zu dem sie sich mühsam durchgefragt haben. Irgendwann findet der frustrierte Josef dann doch noch einen alten Schuppen in irgendeiner Gasse und kann froh sein, dass sie wenigstens ein Dach über dem Kopf haben. Frust pur, die kleine Familie am Ende der Belastbarkeit. Und dann (als ob das nicht genug wäre!), inmitten all des Elends, setzen die Wehen ein. Weit und breit kein Kreißsaal, keine Hebamme, keine Wanne für eine sanfte Unterwassergeburt – sondern nur ein Stall und ein Futtertrog.
Die Umstände, unter denen das erste Weihnachtsfest stattfand, machen schnell deutlich, dass Weihnachten ursprünglich wenig mit süßlichem Plätzchenduft zu tun hat.  Braten, Deko und festliche Stimmung spielten damals keine Rolle. Im Gegenteil: Die Umstände, in die Gott kommt, waren durch und durch problembehaftet. Und genau hier liegt auch der Grund, warum er in der Gestalt seines Sohnes kommt: Jesus will Ordnung ins Chaos dieser Welt bringen. er ist nicht gekommen, weil es auf Erden so schön heimelig wäre, sondern weil es viel zu retten gibt. Das Wort ‚Jesus‘ stammt aus dem Griechischen und entspricht dem Namen Joshua, und das heißt übersetzt: „Gott ist Rettung“.
Erinnern Sie sich noch an das Unglück in Chile, im Juli des Jahres 2011, als eine Mine mit 33 Bergarbeitern einstürzte? Plötzlich saßen die Männer in fast 700 Metern Tiefe fest. Eingeschlossen in Dunkelheit, Angst und Verzweiflung. 69 Tage vergingen, bis sie wieder das Tageslicht sehen konnten. Die Bilder im Fernsehen von der Befreiung werde ich nie vergessen: Jedes Mal, wenn die Rettungskapsel  „Fénix“ einen Bergmann an die Oberfläche brachte, schrien die Wartenden ihre Freude heraus. Besonders berührend waren die Begegnungen mit den wartenden Angehörigen. Wenn ein geretteter Kumpel seine Liebsten wieder in die Arme schließen konnte, flossen Tränen der Rührung, Tränen, die ein ganzes Land in einen Freudentaumel versetzten. Sirenen heulten, Autos hupten, und unbekannte Menschen fielen sich um den Hals.
Diese Rettungsaktion erinnert mich stark an das, was zu Weihnachten geschehen ist. Genau wie die Rettungskapsel „Fénix“ in die Mine geschickt wurde, hat Gott auch uns eine Rettungskapsel geschickt: Jesus. Denn auch wir sind Verschüttete. Auch um uns ist Dunkelheit. Auch wir sind gefangen. Nicht in einer Mine, aber in Schuld; in Unversöhnlichkeit, in Süchten… Jesus kommt auf die Welt, weil diese an ihren Lügen, an ihrer Ungerechtigkeit, an Hass, Neid, an Egoismus und Gier zugrunde geht.
Die Frage ist nur: Steigen wir auch ein in diese göttliche Rettungskapsel? Das ist ja nicht so einfach und offensichtlich wie für die Minenarbeiter. Die meisten Menschen glauben nicht mehr, dass sie gerettet werden müssten. Sie haben sich in der Dunkelheit so weit wie möglich eingerichtet und sind überzeugt, mehr gebe es nicht. Und wieder andere glauben, für sie wäre, so, wie sie sind, kein Raum in der göttlichen Rettungskapsel: Sie müssten erst ordentlich vorbereitet sein, damit Gott zu ihnen kommen kann, sie müssten ihr Leben zuerst in Ordnung bringen. In einem Weihnachtslied heißt es:
„Und wenn du folgst und artig bist, dann wird erfüllt dein Traum, dann bringet dir der heil‘ge Christ den schönsten Weihnachtsbaum.“
Aber das ist Unsinn, Gott schickte seine Sohn nicht in die Welt, weil die Kinder artig waren, sondern weil wir Menschen das Verhältnis zu ihm zerbrochen haben und daran nun selbst zerbrechen. Das echte Christkind will nicht nur zu denen kommen, die schön artig sind, sondern gerade zu denen, die schön geizig, neidisch, eifersüchtig, streitsüchtig und egoistisch sind – also zu Ihnen und zu mir! Sich auf das Kommen des Messias vorzubereiten bedeutet gerade nicht, alles selbst in Ordnung zu bringen und so lange an sich herum zu putzen, bis man eine weiße Weste vorweisen kann. Wer Selbsterlösung anstrebt, braucht kein Weihnachten. Wenn der Mensch sich selbst erlösen könnte, hätte sich Gott den ganzen Aufwand sparen können.
Unsere Sinnsuche, unsere Sehnsucht nach Liebe, Licht, Wärme, Geborgenheit und Halt wird nicht gestillt mit dem, was wir geschenkt bekommen. Weihnachten wird eben nicht unterm Baum entschieden, sondern dadurch, ob wir einsteigen in die göttliche Rettungskapsel.
Die hat übrigens (mehr als 30 Jahre später als erwachsener Mann) von sich gesagt: „Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet. Ich werde euch Frieden geben. Nehmt meine Herrschaft an und lebt darin. Lernt von mir. Ich komme nicht mit Gewalt und Überheblichkeit. Bei mir findet ihr, was eurem Leben Sinn und Frieden gibt. Ich meine es gut mit euch und bürde euch keine unerträgliche Last auf.“ (Mt 11,28-30) Wer Anschluss an diesen Jesus bekommt, bekommt Anschluss an das wahre Leben, an das ewige Leben. Ein Leben mit Qualität. Der bekommt einen Vorgeschmack auf den Himmel. Das zu hören, zu wissen und darauf sein Leben auszurichten gibt Hoffnung und Mut, Trost und Kraft. Und das nicht nur in der Adventszeit, zur Weihnachtszeit, sondern auch zur heißen Urlaubszeit und eigentlich überhaupt immer.