16. Dezember: Das Päckchen

Das Päckchen

von Doris Bewernitz

 „Puh, ich mag Weihnachten nicht“, sagte Wilma. „Noch eine Woche, dann ist es wieder überstanden.“ Sie sagte es zu sich selbst, denn sonst war keiner da, zu dem sie es hätte sagen können. Wilma war 84. Sie stand am Fenster ihrer Wohnung und sah auf die Straße hinunter, sah Leute Geschenke kaufen, am Glühweinhaus miteinander plaudern und am Stand mit den Weihnachtsbäumen vorbeischlendern. Ja, sie war neidisch. Die Leute da waren jung, hatten Familie und Freunde, vermutlich waren die auch gesund, und bestimmt würde niemand von denen allein Weihnachten feiern. Wilma bekam schlechte Laune. Sie wusste, dass das vom Jammern kam. Sie war auch sonst nicht so. sie konnte sich nicht leiden, wenn sie jammerte. Sie wollte aufhören damit, aber angesichts der nahenden Weihnachtstage war das leichter gesagt als getan. Früher hatte sie nicht gejammert. Früher hatte sie bei der Post gearbeitet, am Paketschalter. Es war schön gewesen, den Menschen ihre Weihnachtspäckchen zu geben und das Leuchten on den Augen zu sehen. Aber das war lange her.

Inzwischen deponierte der junge Postbote bei ihr die Pakete und Päckchen für die Nachbarn, die nicht zu Hause waren. Die konnte sie dann weiterreichen. Das war auch schön. Aber die Sendungen waren immer für andere. Sie hätte auch gerne einmal Post bekommen. Am liebsten ein Päckchen. Doch wer, bitteschön, sollte ihr eins schicken? Ja, sie hatte Freunde gehabt. Aber die waren alle schon gestorben. Die schickten keine Päckchen mehr. Natürlich hätte sie zu einer dieser Advents-Seniorenfeiern gehen können. So etwas wurde ja angeboten. Sie hatte das auch einmal ausprobiert, vor zwei Jahren. Es war schrecklich gewesen. Lauter einsame, alte Menschen, die in einem fort jammerten. Und dann diese jungen Frauen, die sich von Berufs wegen verpflichtet fühlten, Fröhlichkeit zu verbreiten. Wilma schüttelte sich bei der Erinnerung daran. Keiner hatte gesungen. Und dann hatte es lauter Tinnef gegeben, nichtsagende Geschenke, einen kitschigen Tischläufer, ein Gips-Räucherhäuschen und einen Schokoweihnachtsmann. Geschenke, die nichts mit ihr zu tun hatten. Nein, ein richtiges Päckchen müsste etwas mit ihr zu tun haben. Darin müsste etwas sein, über das sie sich auf jeden Fall freuen würde. Dominosteine zum Beispiel. Die aß sie für ihr Leben gern. Oder ein Stück Stollen. Schön wäre auch eine Kerze und so ein Bild mit farbigen Fenstern, das man davorstellen konnte, wo das Licht hindurch schien…

Plötzlich lächelte sie. Natürlich! Dass sie darauf nicht eher gekommen war! Rasch nahm sie einen Zettel und schrieb eine Einkaufsliste. Gerade neulich hatte die Nachbarin doch gesagt, falls sie mal Hilfe brauche, solle sie sich nicht scheuen…

Eine Woche später, am Weihnachtstag, stand sie wieder am Fenster und sah hinaus. Schade, dachte sie, es hat nicht geklappt. Vielleicht ist es verloren gegangen. Oder es dauert heute eben alles länger. Natürlich, um diese Zeit ist ja auch immer so viel los bei der Post. Jedes Mal, wenn der Postbote in den letzten Tagen geklingelt hatte, hatte sie sich gefreut, und jedes Mal waren es Pakete für die Nachbarn gewesen. Sie kämpfte gegen ihre Traurigkeit an und sah in die Finsternis. Die Straße wurde leerer und leerer. In immer mehr Fenstern gingen die Lichter an und man sah die beleuchteten Weihnachtsbäume. Ach, was soll’s, dachte Wilma, drehte sich vom Fenster weg, ging in die Küche, fand ein Glas mit Pflaumenkompott und wollte eben den Deckel aufdrehen, als es an der Tür klingelte. Sie erschrak, das Glas fiel ihr aus der Hand und zerbrach auf dem Küchenboden. Glassplitter flogen herum, und der rote Saft floss in die Ritzen zwischen den Fliesen. „Moment!“, rief sie, stieg vorsichtig über die Scherben, ging zur Wohnungstür und öffnete. Draußen stand der Postbote. Er überreichte ihr ein Päckchen, sagte „Frohe Weihnachten“ und sie musste unterschreiben. Erst nachdem sie die Tür wieder geschlossen hatte, fiel ihr auf, dass es heute anders gewesen war als sonst. Er hatte gar nicht gefragt, ob sie eine Sendung für die Nachbarn annehmen würde. Sie stand in ihrem Flur, das Päckchen in der Hand, sah es vorsichtig an und ihr Herz machte einen Hüpfer. Links neben der Anschrift war ein kleiner grüner Tannenzweig aufgemalt. Einen Absender gab es nicht, aber die Adresse war ihre. Glücklich ging sie in die Stube, stellte das Päckchen auf den Tisch, legte Schere und Brille daneben, überlegte kurz, ob sie sich nicht erstmal um die Scherben und den Saft auf dem Küchenfußboden kümmern müsse, entschied sich dagegen, legte eine feierliche Schallplatte auf und begann mit der Bescherung. Im Päckchen waren eine Packung Dominosteine, ein kleiner Marzipanstollen, eine rote Kerze mit Ständer, ein transparentes Kerzenbild mit ausgestanzten Sterne und ein Brief.

Wilma zündete die Kerze an, stellte das Bild davor und schaute eine ganze Weile auf die orange leuchtenden Sterne. Dann naschte sie einen Dominostein. Danach öffnete sie den Briefumschlag und las: „Liebe Wilma! Ich hoffe, es geht dir gut. Das hier ist für Dich, damit Du Weihnachten wieder bisschen mehr magst und Dich freuen kannst. Und merke Dir: Hör auf zu jammern. Wenn keiner da ist, der einem eine Freude macht, muss man das eben selbst tun! Fröhliche Weihnachten! Deine Wilma.“

(aus „Wunderbare Weihnachtsfrauen“ © 2015 Verlag am Eschbach der Schwabenverlag AG)