18. Dezember: Das Licht im Fenster

Rätselauflösung: Er verdächtigt den Bruder von Frau Olbricht, der den Diamanten gestohlen und in einem Karpfen – dem mit dem blauen Fleck an der Seite- versteckt hatte.

Das Licht im Fenster
© Von Susanne Niemeyer aus „Jesus klingelt“- Neue Weihnachtsgeschichten, Herder-Verlag

 Als ich vor einigen Jahren in die Stadt zog, fühlte ich mich verloren. Ich war es nicht gewohnt, zwischen so vielen Menschen zu leben, von denen niemand grüßt. Meine Wohnung lag im zweiten Stock. Unter mir lebte ein älterer Herr mit Hund, den ich manchmal auf der Straße sah. Neben mir gab es eine Wohngemeinschaft mit wechselnder Besetzung. Im ersten Jahr hängte ich zu Weihnachten einen Schokoladenstern an jede Tür. Ich schrieb einen kurzen Gruß dazu, aber als ich nie etwas darauf hörte, wiederholte ich es im nächsten Jahr nicht. Vor dem Haus verlief eine stark befahrene Straße. Abends staute sich der Verkehr, und manchmal stand ich am Fenster und konnte nicht umhin, die Lichter romantisch zu finden, obwohl es doch nur Autos waren.
Mit der Zeit lernte ich das Viertel kennen. Ich wurde Stammgast in dem portugiesischen Café an der Ecke und der Mann im Getränkeladen hielt öfter einen kleinen Plausch mit mir. Ich mochte den Park mit seinen fußballspielenden Jungs und abends gewöhnte ich es mir an, die paar Meter hinunter zur Elbe zu gehen.
Dann kam der Winter. Die blaue Stunde tauchte die Häuserfassaden in unwirkliches Licht. An einem dieser Abende bemerkte ich zum ersten Mal die Kerze. Sie stand im gegenüberliegenden Fenster im dritten Stock. Ich weiß nicht, warum ich sie bis dahin nie wahrgenommen hatte, denn gebrannt haben musste sie auch schon vorher. Ich mochte es, hinüberzugucken wie in ein Puppenhaus. Fremde Menschen bewegten sich in kleinen Zimmern. Sie sahen fern oder versammelten sich um einen Tisch zum Abendbrot. Manche schienen zu streiten und eine Frau begann immer um sechs Uhr zu bügeln. Die wenigsten hatten Vorhänge, sodass es wie ein lebendiges Gemälde aussah.
Die Kerze brannte den ganzen Abend, manchmal flackerte sie einen Augenblick, als wollte sie zeigen, dass sie echt ist und keine von diesen elektrischen Lichterketten, von denen es auch einige in der Straße gab. Ich ging zu Bett, und es hatte etwas Beruhigendes zu wissen, dass die Kerze weiterhin brannte, auch in der Nacht. Eines Abends sah ich, wie eine alte Frau sie anzündete. Sie benutzte ein Streichholz. Ihr Haar war schlohweiß und sie hatte sich eine Art Stola oder einen Schal um die Schultern gelegt. Die Kerze brannte stets länger, als ich wach war. Dabei spielte es keine Rolle, ob ich schon um zehn zu Bett ging oder erst um Mitternacht. Sie erinnerte mich an das Nachtlicht aus Kindertagen, das meine Mutter immer in die Steckdose steckte, damit wir uns nicht fürchteten vor den Monstern der Dunkelheit.
Als der Frühling kam, hörte die alte Frau nicht auf, die Kerze zu entzünden. Sie tat es nur später. Immer wenn die Dämmerung kam. Ich wurde neugierig. Warum tat sie das? Und hatte sie keine Angst vor einem Brand? Denn irgendwann musste die alte Frau schließlich auch schlafen. Einmal stellte ich den Wecker auf halb vier, nur um zu sehen, ob die Kerze tatsächlich noch brannte. Sie tat es. Es war das einzige Licht weit und breit. Ich bemerkte, wie ich begann, abends nach der Flamme zu schauen. Dann ging ich beruhigt ins Bett. Es war ein Gefühl, als passte jemand auf mich auf.
Schließlich kam der Tag, an dem ich all meinen Mut zusammennahm. Es war der letzte Sonntag vor dem Weihnachtsfest, der vierte Advent. Ich legte einige meiner selbstgebackenen Kekse in eine schöne Schachtel, zog meine Strickjacke über und ging hinüber zu ihrem Haus. Dort studierte ich die Namensschilder und als ich kombiniert hatte, welches zu ihrer Etage gehören musste, klingelte ich. Der Summer ging. Ich stieg die Treppe hoch, und da stand sie: Die alte Frau aus dem Fenster. Etwas verlegen erklärte ich ihr, dass ich seit einem Jahr die Kerze in ihrem Fenster sähe und mich darüber freute, aber mich auch fragte, was es für eine Bewandtnis damit habe. Sie bat mich herein.
Sie musste sehr alt sein. Ihr Haar war schlohweiß und ihr Gang war der Gang alter Leute, die bereits ein paar Zentimeter geschrumpft sind. Aber sie hatte ein reizendes Lächeln und kochte uns Tee. Von den Keksen kostete sie sofort. Ja, sagte sie dann, die Kerze sei für ihrem Mann. Und dann begann sie, ihre Geschichte zu erzählen.
Sie war von Amrum. Dort hatte sie als junges Mädchen ihren Mann kennengelernt. Er war Walfänger, einer der letzten, die es zu der Zeit noch gab. Ihr Vater warnte sie, dass es kein leichtes Leben werden würde mit einem Mann, der ein halbes Jahr auf See war, irgendwo zwischen den Lofoten und Spitzbergen im Eismeer. Aber sie hatte ihr Herz verschenkt. Und so heirateten die beiden. Er war ein stattlicher Bursche, erzählte sie, groß und blond, mit kräftigen Armen von der Arbeit an Bord. Er liebte die See und jedes Mal, wenn er zurückkehrte, erzählte er ihr Geschichten von Meerjungfrauen und Polarlichtern, deren gespenstisches Grün in den langen Nächten über die Wellenkämme flackerte. Er hatte keine Angst vor dem Meer, und sie vertraute ihm, obwohl sie natürlich wusste, dass fast jede Familie schon einen Mann an die See verloren hatte. Es gab einen Brauch, erzählte sie mir, in den ersten Herbstnächten eine Kerze ins Fenster zu stellen, damit die Männer nach Hause fanden. Denn es gab ja noch keine Strom auf der Insel.
Dann kam ein Jahr, in dem die Herbststürme früher begannen als sonst. Die Wellen standen meterhoch, und längst waren nicht alle Schiffe zurück. Der Oktober kam und ein viel zu früher Winter begann. Die See fror zu, Eisschollen türmten sich am Strand und der Ostwind biss in die Wangen. Bis in den April hinein lag Schnee und erst Anfang Mai wagten die ersten Narzissen, ihre Köpfe herauszustrecken. Noch immer kein Boot. Der Sommer kam, und schließlich wurde es wieder Herbst. Die junge Frau zündete nach wie vor jeden Abend ihre Kerze an, damit ihr Liebster heim fände. Ein weiteres Jahr endete. Die anderen Frauen hatten längst ihre Witwentracht angelegt. Sie weigerte sich. Er wird kommen, sagte sie fest. Die Jahre vergingen. Such dir einen neuen Mann, kann man nichts machen, rieten die Leute, das Leben muss weitergehen. Auch wegen der Kinder. Die brauchen einen Vater. Und sie war doch noch jung genug. Aber sie sagte nur: Ich habe einen Mann.
Irgendwann ging sie nach Hamburg. Die Kinder begannen zu studieren, sie gründeten Familien und die alte Frau bekam Enkel. Später Urenkel.
„Und seitdem“, fragte ich ehrfürchtig, „brennt die Kerze?“ die alte Frau nickte. „In dieser großen Stadt wäre es doch verloren! Aber so kann er mich finden, wenn er nach Hause kommt.“ Und dann lächelte sie. Wie ein junges Mädchen, dachte ich.