19. Dezember: Und was haben Sie für einen Weihnachtsbaum

Und was haben Sie für einen Weihnachtsbaum?

Ehrlich gesagt, wenn sie diesen Text am 19. Dezember lesen und bis heute noch keinen Weihnachtsbaum haben, dann haben Sie ziemlich schlechte Karten. Nicht, dass die Händler keine Tannen oder Fichten mehr hätten, aber die Prachtexemplare sind garantiert schon lange ausverkauft. Das, was jetzt noch auf den Christbaummärkten zu finden ist, das sind die Bäume, die keiner wollte: ein bisschen krumm gewachsen, an einer Stelle fehlt eindeutig ein Ast, und die Nadeln könnten ja auch ein bisschen dichter sein. Und ob er wirklich noch ganz frisch ist?
Vor einigen Jahren verbrachte ich mit einer Gruppe ein Adventswochenende. Und dabei wurde uns der Gedanke wichtig, dass Gott sich in einem Kind klein macht, um zu uns Menschen zu kommen, so wie wir sind, mit all unseren Fehlern, all unseren Unzulänglichkeiten, mit all dem, was an uns schief und krumm ist. Und gerade das ist ja das Befreiende unseres Glaubens – dass wir eben nicht perfekt sein müssen, damit unser Gott zu uns kommt. „Ja“, sagte da plötzlich eine Teilnehmerin nachdenklich, „Gott kommt zu uns in unsere Unvollkommenheit – und was machen wir? Wir suchen den perfekten Weihnachtsbaum!“ Wir anderen schwiegen einen Moment völlig verblüfft ob dieser kühnen Gedankenverbindung – aber da sprach sie auch schon weiter: „und was ist mit den Bäumen, die ein bisschen schief sind oder ein wenig ungleichmäßig? Oder denen ein Ast fehlt? Oder…? Dürfen die denn nie Weihnachtsbaum sein?“
Kurz und gut – wir erklärten uns kurzerhand solidarisch mit all den Weihnachtsbäumen, die niemand wollte und vereinbarten, in dem Jahr einen Baum „mit Macke“ zu kaufen. Entschlossen ging ich einige Tage später zu einem Christbaummarkt. Der Händler kam schon auf mich zu und fragte eifrig: “Was für einen Baum hätten sie denn gerne?“ ich überlegte nicht lange und sagte: „Einen Baum mit Macke!“ – „Wie bitte?“ fragte der Händler ungläubig zurück. „Na ja, einen Baum mit irgendeinem Fehler halt!“ Er machte vorsichtshalber einen Schritt zurück – man konnte ja nie wissen. Ich sah mich jetzt doch etwas im Erklärungsnotstand, erzählte von unserem Kurs und der Idee –  mit dem Ergebnis, dass der Händler noch einen Schritt zurücktrat, mich nachsichtig anschaute und sagte; „Wissen Sie, da vorne gibt es noch einen Christbaummarkt, vielleicht fahren Sie mal da hin – die haben eine größere Auswahl!“
Etwas belämmert zog ich ohne Baum ab, aber man ist ja lernfähig. Beim nächsten Händler ging ich vorsichtiger vor. Als er mich nach meinen Wünschen fragte, sagte ich, vollkommen den Regeln gemäß: „Eine Nordmanntanne!“ Er zeigte mir mehrere Bäume, und als er beim vierten schließlich sagte: „Aber dem fehlt ein Ast, den können Sie nur in eine Ecke stellen!“ stand meine Entscheidung fest: Das war mein Baum! Und mit dem zog ich auch ganz zufrieden nach Hause.
Seit der Zeit habe ich sehr bewusst jedes Jahr einen Weihnachtsbaum „mit Macke“. Mal ist er ein bisschen krumm, mal fehlt ein Ast – oder er hat sogar zwei Spitzen. Ich finde gerade das apart – und es macht mir diesen Baum jeweils sehr sympathisch. Einen perfekten Baum kann schließlich jeder haben, der sich früh genug auf den Weg macht – aber diese perfekten Bäume finde ich inzwischen genauso langweilig wie perfekte Menschen.
Und manchmal, am ersten Weihnachtsfeiertag zum Beispiel, abends nach der Vesper, da mag es sein, dass ich in meinem Wohnzimmer bei einem Glas Rotwein sitze, mir meinen „unperfekten“ Weihnachtsbaum anschaue und denke: ja, gerade Weihnachten ist die Botschaft, dass wir nicht perfekt sein müssen. Gott kommt uns mitten in unserer Unvollkommenheit entgegen, ja kommt sogar in einem Stall zur Welt, wird Kind – und er liebt uns trotzdem. Oder manchmal vielleicht sogar gerade deswegen? Und wenn mich mein Weihnachtsbaum „mit Macke“ ab und an daran erinnert, dann ist mir das wichtiger als Schönheit und Vollkommenheit.

Andrea Schwarz

aus: “Für jeden leuchtet ein Stern“   weihnachtliche Texte