20. Dezember: Als Gott eine Frau fand

Als Gott eine Frau fand
© Susanne Niemeyer aus „Jesus klingelt“ – Neue Weihnachtsgeschichten, Herder-Verlag

 „Ich brauche eine Frau“, sagte Gott der Herr und alle Engel erschraken. Damit hatte niemand gerechnet.
„Aber“, hob der Erste aller Engel an, „du bist Gott. Du hast für die keine Frau vorgesehen.“
Gott blitzte ihn ärgerlich an. Wenn ihm etwas missfiel, dann waren es besserwisserische Himmelsbewohner. „Ich habe beschlossen, auf die Erde zu gehen.“
Einen Moment lang herrschte Totenstille (wenn man denn von totenstille im Himmel sprechen kann). Dann begannen alle gleichzeitig zu reden: „Aber Herr, warum nur?“ – „Das gab es noch nie!“ – „Hier oben ist es doch so schön!“ – „Die Menschen sind roh!“ – „Unberechenbar!“ – „Hier sind wir in Sicherheit!“ Doch der Herrscher aller Heerscharen ließ sich nicht beirren: „Ich will meinen Geschöpfen nah sein. Ich will fühlen, was sie fühlen. Ich will lieben, wie sie lieben. Ich will sterben, wie sie sterben.“
Voller Entsetzen sogen die Engel die Luft ein. Was f der Herr immer mit seinen Geschöpfen hatte. Das war ihnen schon lange ein Dorn im Auge. Sie hatten es doch gut miteinander. Außerdem war es absolut unüblich, dass ein Gott sich unter das Volk mischt. Für Gott gab es den Himmel und für die Menschen die Erde. Das hatte Jahrtausende gut funktioniert. Warum alles durcheinanderbringen?
Aber Gott blieb stur. „Gabriel“, rief er, „such  mir eine Frau!“ Gabriel trollte sich grummelnd. Dass der Allmächtige immer so dickköpfig sein musste … Aber natürlich tat er dennoch wie geheißen und brachte ihm drei geeignete Kandidatinnen.
„Diese“, begann er und zeigte auf eine zierlich Blondine, „ist eine Heilige. Männer interessieren sie nicht. Sie trinkt nicht, flucht nicht und liest erbauliche Gedichte.“ – „Langweilig!“, stöhnte Gott.
„Also gut, dann diese“, beeilte sich Gabriel fortzufahren und lenkte Gottes Blick zu einer ernsten Hochgewachsenen. „Sehr intelligent. Sie hat promoviert in Psychologie, Astrophysik und vergleichender Religionswissenschaft. In den aktuellen theologischen Diskussionen kennt sie sich hervorragend aus. Abends besucht sie gelegentlich philosophische Salons. „Anstrengend“, winkte Gott der Herr ab. „Hast du nicht jemand weniger Weltfremdes?“
„Wie wäre es mit dieser?“, fragte Gabriel und zeigte auf eine milde Mütterliche. „Sie ist eine wahre Madonna. Opfert sich für andere auf, pflegt Kranke, hat immer ein Ohr für Betrübte und erhebt keinen Anspruch auf ein Privatleben. Man nennt sie auch den Engel des Viertels.“ – „Engel habe ich hier schon genug“, brummte Gott der Herr, „Ich will eine normale Frau. Verstehst du? Eine, die wie alle ist. Die da! Was ist mit der?“
„Die? Also, mit der ist nichts. Sie heißt Maria. Nicht mal Marie-Louise oder Nele-Maria. Sie ist mittelmäßig. Durch und durch mittelmäßig. Ihre Haare sind mausbraun. Weder glänzen sie wie Kastanien, noch erinnern sie an Schokolade. Wenn sie versucht, Locken hineinzudrehen, hängen sie nach einer halben Stunde wie Linguini auf ihren Schultern. Sie färbt sie nicht mal!“ Der Engel schnaubte. „In der Schule war sie mittelgut. Soweit ich weiß, liest sie ganz gern, aber sie spielt kein Klavier und auch kein Cello. Wenn sie wenigstens singen könnte! Stattdessen schaut sie diese Castingshows und träumt davon, einmal entdeckt zu werden. Worin, das weiß sie selber nicht. Sie strengt sich nicht an, hat noch nicht mal Auslandserfahrung. Auch kein Ehrenamt, gar nichts! Ihr größter Traum ist es, auf einem Esel zu reiten. Weil sie eine Reprotage über Wanderurlaub in den Cevennen gesehen hat und die Esel so niedlich fand. Dabei könnte sie noch nicht einmal sagen, wo die Cevennen liegen! Und sie hat einen Freund. Du wirst dir ja wohl keine Frau aussuchen, die bereits vergeben ist? Das hast du doch nicht nötig!“ Plötzlich hatte Gabriel eine Die: „Warum erschaffst du dir nicht eine nach deinem Geschmack?“
Aber Gott ließ sich nicht ablenken. „Erzähl weiter!“ – „Sie sind seit einem halben Jahr zusammen“, fuhr Gabriel resigniert fort. „Er arbeitet als Tischler. Einmal schnitzte er ihr eine Blume aus Holz. ‚Die welkt nie‘, hat er gesagt. Ihre Mutter fand das romantisch. Es müssen nicht alle studieren, meinte sie und Maria strahlte. Sie ist so gewöhnlich! Ich weiß nicht mal, ob sie gläubig ist. Ihr Freund betet, ja, der betet manchmal. Aber sie? Hat man noch nichts von gehört. Ich bitte dich. Die willst du doch wohl nicht?“ Unsicher blickte Gabriel zu Gott dem Herrn. Ein Lächeln umspielte dessen Mund und Gabriel schwante nichts Gutes.
„Perfekt“, murmelte Gott. „Sie ist perfekt.“ Fast könnte man meinen, er sei verliebt.
Er sollte aufpassen, dachte Gabriel. Er sollte wirklich aufpassen. Am Ende gerät das ganze schöne Bild von ihm ins Wanken.

 

Segensgebet einer Frau

Frau bin ich – und Frau darf ich sein.
Von Anfang an – bis heute und bis zum Ende.
Geschaffen als deine geliebte Tochter – gewollt, geliebt, wertvoll.
Meine Fähigkeiten darf ich einbringen – und spüren, wie deine Liebe mich trägt.
Wenn ich falle – deine Arme fangen mich auf.
Danke, Herr, dass ich sein darf – und schenke mir heute deinen Segen. Amen.